
Für die meisten psychisch kranken Menschen hat Arbeit einen hohen Stellenwert
Arbeit und Arbeitslosigkeit haben einen wichtigen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden. Dies gilt für Menschen mit psychischen Erkrankungen…

Das Thema Arbeitszeiten wird auch in der aktuellen politischen Debatte kontrovers diskutiert. So fordern insbesondere Arbeitgeber eine Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit, um dem wachsenden Arbeits- und Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Andererseits melden sich nicht wenige Stimmen zu Wort, die mehr Flexibilität und kürzere Arbeitszeiten fordern, um gerade Mangelberufe wieder attraktiver zu machen.
Tatsächlich steht die Forderung nach längeren Arbeitszeiten tendenziell im Widerspruch zu den Arbeitszeitwünschen der Beschäftigten. So haben Susanne Wanger und Enzo Weber im IAB-Forschungsbericht 16/2023 darauf aufmerksam gemacht, dass die gewünschte Arbeitszeit von Beschäftigten in Deutschland zwischen 2015 und 2021 um durchschnittlich etwa zwei Stunden gesunken ist. Gleichzeitig liegt die Zahl der in Deutschland geleisteten Überstunden mit durchschnittlich 3,3 bezahlten und 3,9 unbezahlten Überstunden im dritten Quartal 2024 so niedrig wie nie zuvor, wie aus der IAB Arbeitszeitrechnung hervor geht.
Um herauszufinden, wo es noch Potenziale für eine Erhöhung der Arbeitszeit geben könnte, bietet sich ein Blick auf die wöchentlichen Arbeitszeiten nach Berufssegment und Geschlecht an. In Mangelberufen, in denen bereits viele Arbeitsstunden geleistet werden, dürfte die Forderung nach noch längeren Arbeitszeiten jedoch nur schwer umsetzbar sein.
Zudem können Arbeitsplatzbedingungen, darunter auch die Länge und Lage der Arbeitszeit, einen mitunter großen Einfluss auf die Gesundheit der Beschäftigten haben. Dies zeigt ein 2023 erschienener Forschungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, verfasst von Philipp Grunau, Kevin Ruf, Stefanie Wolter und Gloria Hauschka. Demnach gehen beispielsweise die Sorge um den Job, Termindruck, körperliche Anstrengung und eine schlechte Arbeitsumgebung häufig mit einem subjektiv schlechteren Gesundheitszustand beziehungsweise einem geringeren Wohlbefinden einher.
Inwiefern längere Arbeitszeiten also ein geeignetes Mittel gegen den Fachkräftemangel sind, hängt vermutlich auch stark davon ab, wie hoch die potenzielle gesundheitliche Belastung in einem Beruf ist.
Näheren Aufschluss zu dieser Thematik geben Daten einer Beschäftigtenbefragung, die 2019 im Rahmen des Projekts „Digitalisierung und Wandel der Beschäftigung“ (DiWaBe) von Melanie Arntz und anderen durchgeführt wurde. Dabei wurden Beschäftigte unter anderem zu ihren Arbeitszeiten sowie zu ihrem Gesundheitszustand befragt (die nachfolgenden Analysen basieren auf Antworten der 6.604 Personen, für die entsprechende Informationen vorliegen).
Insgesamt ist die durchschnittlich vertraglich vereinbarte Arbeitszeit deutlich geringer als die tatsächliche Arbeitszeit. Zudem variiert die durchschnittliche tatsächliche Arbeitszeit pro Woche je nach Berufssegment recht stark (siehe Tabelle 1).

Sicherheitsberufe (46 Wochenstunden) sowie Verkehrs- und Logistikberufe (45 Wochenstunden) sind die beiden Berufsgruppen mit der höchsten angegebenen tatsächlichen Arbeitszeit. Eher niedrige durchschnittliche Wochenarbeitszeiten weisen die sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufe auf (37 Stunden), ebenso die medizinischen und nicht medizinischen Gesundheitsberufe (35 Stunden).
Ganz unten in der Rangliste finden sich die Reinigungsberufe (19 Stunden). Diese vergleichsweise geringe durchschnittliche Wochenarbeitszeit dürfte auf einen relativ hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten in diesem Berufssegment zurückzuführen sein.

Zugleich zeigt sich, dass Männer im Durchschnitt 8,5 Stunden mehr pro Woche arbeiten als Frauen. Diese Arbeitszeitlücke zwischen den Geschlechtern findet sich auch innerhalb einzelner Berufsgruppen (siehe Abbildung 1).
Männer arbeiten nahezu in allen Berufen mehr als Frauen, jedoch ist diese Differenz unterschiedlich stark ausgeprägt. Am auffälligsten ist sie in den Reinigungsberufen: Hier ist die tatsächliche Wochenarbeitszeit bei Männern im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch als bei Frauen. Dies lässt darauf schließen, dass es sich bei dem bereits angesprochenen relativ hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten insbesondere um Frauen handelt.
Lediglich bei Land-, Forst- und Gartenbauberufen ist die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von Frauen und Männern sehr ähnlich.
Weniger eindeutig lässt sich die Frage beantworten, ob eine hohe zeitliche Arbeitsbelastung im Zusammenhang mit einer Verschlechterung der körperlichen und seelischen Gesundheit, insbesondere einem höheren Burnout-Risiko, steht. In der Befragung wurde auch die Häufigkeit der körperlichen und emotionalen Erschöpfung sowie das Gefühl, ausgelaugt zu sein, während der letzten vier Wochen vor der Befragung erhoben. Für die nachfolgend präsentierte Analyse wurden den Befragten dann Burnout-Symptome zugeschrieben, wenn sie mindestens eines der Symptome „manchmal“, „häufig“ oder „immer“ bei sich bemerkt haben.
Auch bei den Burnout-Symptomen lässt sich ein Unterschied zwischen den Geschlechtern feststellen: Der Anteil an Männern mit Burnout-Symptomen liegt bei 46 Prozent, während er bei Frauen mit 54 Prozent deutlich höher ausfällt.
Im Hinblick auf die Arbeitszeiten liegt die Vermutung nahe, dass eine hohe Arbeitsbelastung im Sinne von vielen Arbeitsstunden mit einem höheren Burnout-Risiko einhergeht. Mithilfe eines Regressionsmodells lässt sich der Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Burnout-Betroffenheit genauer bestimmen. Hierbei werden weitere potenzielle Einflussfaktoren wie der Beruf, kleine Kinder im Haushalt, das Alter der Beschäftigten sowie deren Bildung herausgerechnet.
Im Ergebnis zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen Frauen und Männern: Bei Männern ist der Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Arbeitszeit und Burnout-Symptomen zwar leicht negativ, aber statistisch nicht signifikant. Bei den Frauen dagegen führt eine Erhöhung der tatsächlichen Wochenarbeitszeit um fünf Stunden (oder eine Stunde pro Arbeitstag) unter ansonsten gleichen Bedingungen zu einer im Durchschnitt um 2,6 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit, von mindestens einem Burnout-Symptom betroffen zu sein. Gemessen an der durchschnittlichen Betroffenheit von Frauen, an Burnout-Symptomen zu leiden (54 %), entspricht dies einer Erhöhung des Risikos um knapp 5 Prozent.
Ein deskriptiver Vergleich der durchschnittlichen Arbeitsstunden von Beschäftigten mit und ohne Burnout-Symptomen bestätigt dieses Ergebnis (siehe Tabelle 2). Demnach leisten Frauen, die angeben, mindestens ein Burnout-Symptom zu haben, pro Woche durchschnittlich 1,9 Arbeitsstunden mehr als Frauen, die nicht von Burnout-Symptomen berichten.
Bei Männern findet sich dieser Unterschied nicht. Diejenigen Männer, die von mindestens einem Burnout-Symptom berichten, arbeiten sogar 0,7 Stunden weniger als ihre Kollegen ohne Burnout-Symptome. Dies könnte verschiedene Gründe haben: Zum einen kann ein sogenannter Selektionseffekt eine Rolle spielen, wenn mehrheitlich jene Männer mehr arbeiten, die sich von der Mehrbelastung tendenziell weniger beeinträchtigt fühlen. Zum anderen ist denkbar, dass das Risiko für ein Burnout bei Männern nicht primär von der zeitlichen Arbeitsbelastung abhängt, sondern von anderen Faktoren, wie beispielsweise von der ausgeübten Tätigkeit, oder auch von Faktoren, die das Privatleben betreffen.
Auch bei Frauen würde man erwarten, dass insbesondere eine hohe Belastung durch Sorgearbeit Burnout begünstigt – neben der Belastung durch eine hohe Arbeitszeit.

Außerdem scheint insbesondere die Wahrscheinlichkeit, „manchmal“ an mindestens einem Burnout-Symptom zu leiden, mit der Arbeitsbelastung zusammenzuhängen. Definiert man die Betroffenheit von Burnout dagegen so, dass die Symptome entweder „oft“ oder „immer“ auftreten, verschwindet der gemessene Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Burnout-Symptomen.
Womöglich sind länger anhaltende Burnout-Symptome in Umständen begründet, die jenseits der Arbeitszeit liegen. Treten Burnout-Symptome hingegen nur gelegentlich auf, so das Ergebnis der Analysen, scheint die zeitliche Arbeitsbelastung eine größere Rolle zu spielen.
Die tatsächliche Arbeitszeit variiert sowohl zwischen Berufsgruppen als auch zwischen den Geschlechtern. Bis auf wenige Ausnahmen weisen Männer höhere Arbeitsstunden auf als Frauen, denn letztere arbeiten häufig in Teilzeit.
Interessanterweise besteht nur bei Frauen ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und gelegentlichen Burnout-Symptomen. Im Allgemeinen berichten Frauen häufiger von Burnout-Symptomen als Männer.
Längere Arbeitszeiten als Mittel gegen den Fachkräftemangel sind also nicht unkritisch, denn sie können die gesundheitliche Belastung von Frauen verstärken. Zudem stellt sich die Frage, wie punktuelle Phasen einer hohen Arbeitsbelastung so ausgeglichen werden können, dass es für die Betroffenen verkraftbar ist.
In einigen Berufen könnte Fachkräftemangel eine zentrale Rolle für eine hohe zeitliche Belastung spielen, denn häufig verteilt sich die zu erledigende Arbeit auf zu wenige Schultern, insbesondere weil Stellen unbesetzt bleiben oder deren Besetzung sehr lange dauert. Zumindest für einige Personen kann diese Mehrbelastung mit psychischen Problemen einhergehen, was wiederum das Risiko eines langfristigen Ausfalls erhöhen könnte.
Statt genereller Forderungen nach Arbeitszeiterhöhungen sollte daher zunächst das Potenzial von Personen ausgeschöpft werden, die tatsächlich mehr arbeiten wollen, es aber angesichts bestehender Hemmnisse wie etwa einer fehlenden oder unzureichenden Kinderbetreuung bislang nicht können.
Grunau, Philipp; Ruf, Kevin; Wolter, Stefanie; Hauschka, Gloria (2023): Physische und psychische Gesundheit in deutschen Betrieben. Forschungsbericht/Bundesministerium für Arbeit und Soziales 622).
Matthes, Britta., Meinken, Holger., Neuhauser, Petra. (2015): Berufssektoren und Berufssegmente auf Grundlage der KldB 2010. Methodenbericht der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg.
Wanger, Susanne; Weber, Enzo (2023): Arbeitszeit: Trends, Wunsch und Wirklichkeit. IAB-Forschungsbericht Nr. 16.
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2024): Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das dritte Quartal 2024: Es werden so wenige Überstunden wie noch nie geleistet. Presseinformation vom 3.12.2024.
Bild: peopleimages.com/stock.adobe.com

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